Initiative Neue Musik in Ostwestfalen-Lippe e.V.
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Die Musik bleibt in der Seele haften

„Klangfarben – Farbklänge“: Das Hörfest ermöglicht tonale Erlebnisse in Detmold

Viel Blech, viel Aktion: Zuletzt haben 95 Kinder aus den Musikschulen dargestellt, wie viel Spaß Neue Musik machen kann – auch in ihrer Präsentation. FOTO: SCHWABE

Von Andreas Schwabe

Das Hörfest Neue Musik hat einmal mehr Mauern in den Köpfen niedergerissen und Begegnungen zwischen Dur und Dissonanz ermöglicht. Vielen Besuchern eröffneten sich neue Klangwelten.

Detmold. Am Samstag und Sonntag, den sozusagen mittigen Tagen eines viertägigen Festivals, präsentierten 95 Schüler aus fünf Schulen und der Johannes-Brahms-Musikschule, wie viel Spaß es macht, sich mit Leib und Seele mit Neuer Musik auseinander zu setzten. So riss das zweite Hörfest Neue Musik einmal mehr Mauern in den Köpfen ein, die eigentlich längst nicht mehr existieren.

In jedem Film (Moderator Hartmut Fladt verwies auf Kubricks „Odyssee im Weltraum“), in jedem Krimi sind heute Klänge zu hören, die sich nicht mehr nach Melodie, Akkord und Rhythmus richten und auch sonst gerne die Grenzen zwischen Ton und Geräusch überschreiten. Deshalb hatten die Kids aus Horn, Lage, Lemgo, Minden und Paderborn kein Problem damit, sich dieser Musik spielend, tanzend, malend und filmend (mit Handyfilmen) zu nähern.

Es war auch kein Wunder, dass sich zwei Schülergruppen mit „Railroad Turnbridge“ des Detmolder Komponisten Jörg-Peter Mitmann (*1962) einer Komposition für ihre Arbeit aussuchten, die sich zwar in der Tradition der Minimal Music sieht (die LZ berichtete), aber auch an Grooves anschließt, die den Kids vom Pop her längst vertraut sind. Indem sie ihren Eltern vorführten, was sie sich zu der Musik über ein halbes Jahr hin erarbeitet hatten, öffneten sie auch diesen eine Klangwelt, der diese sonst nie so bewusst begegnen.

Atemlose Stille herrschte so zum Teil im Hangar und die Neue Musik fand den Weg in die Herzen vieler Menschen. Auch bei dem genial gewählten Abschlussstück des Festivals: „The Rothko Chapel“ für Chor und wenige Instrumente von Morton Feldman (1926-1987). In diesem Werk sang der Projektchor des Festivals so genannte Cluster (Tontrauben), die nichts mehr mit Dur und Moll zu tun hatten.

Die Musik entwickelte trotzdem mit langsamen Bewegungen eine unmittelbare Suggestivkraft, die alle in eine „schöne“ Welt mitnahm, von der alle Kunst im Grunde
„träumt“. „In diesem Werk waren Freiheit und Ordnung plötzlich eins. Das habe ich so noch nie gehört“, fasste ein Besucher dieses Erlebnis zusammen.

Natürlich will die Neue Musik wie Musik von Bach oder Beethoven, auch so verstanden werden, dass die Hörer mitfühlen können, warum jetzt dieser Ton auf jenen folgt. Gute Erläuterungen helfen, dieses „Verstehen“ zu vertiefen. Hier war Elisabeth Wirtz ganz vorne.

Indem die Musikdramaturgin des Landestheaters unter anderem ihren ganz persönlichen Zugang zu der Komposition „Night of the four Moon“ von Geroge Crumb (* 1929) erläuterte und die Musiker einige ungewöhnliche Elemente der Musik spielten, gewannen die Zuhörer am Sonntagvormittag einen guten Zugang zu dieser Musik. In seinem Stück hatte auch die Tonalität (Melodie und Rhythmus) ihre große Bedeutung. Gegen Ende der Komposition verließen alle Musiker, bis auf das Cello, den Raum und sangen ein Volkslied. Das Cello spielte dazu einen elektronisch verfremdeten Ton, der wie „Weltraummusik“ klang. Crumb macht damit hörbar: Die Welt ist nach der Landung der Menschen auf dem Mond nicht mehr so vertraut, wie vorher. Wer so eine Aussage sinnlich wahrnimmt wie von Crumb gedacht, dem bleibt sie in der Seele haften.

Neue Musik ist gar nicht so neu

Aufgemerkt: Hans Timm von der veranstaltenden Initiative Neue Musik. FOTO: SCHWABE

Anfang des 20. Jahrhunderts etablierte sich der Begriff „Neue Musik“ für Kompositionen, die die Grenzen der Dur-Moll-Tonalität überschritten. Komponisten wie Arnold Schönberg (1874-1951) setzten fort, was von Bach bis Bruckner immer wieder versucht worden war: Melodien und Akkorde zu aktualisieren und zu erweitern. Das führte zur „Emanzipation der Dissonanz“ (Schönberg), die viele Menschen, die mit Schlager, Pop, Rock und Jazz aufgewachsen sind, noch heute schwer nachvollziehen können. Es geht in der Neuen Musik nicht mehr um den Gegensatz von Dissonanz (als Metapher für Schmerz) und Konsonanz (als Metapher für Geborgenheit), sondern um das gekonnte Spiel mit Klängen aller Art. (ans)

Lippische Landeszeitung, 5. Oktober 2011

Brücke zwischen Musik und Malerei
neue musikzeitung November 2011
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